Die Stadt liegt nicht am Meer – Guantánamo-Miniaturen Nr. 1

Prolog

Ich sehe diese Stadt. Ich sehe die Menschen, die Straßen, die Häuser, die Parks.

Die Stadt liegt nicht am Meer.

Die Menschen sind froh, sagst du.

Das sagst du.

Sie tanzen. Sie reden. Sie lachen. Das sehe ich, das höre ich.

Sie denken.

Was, das sagst du nicht.


Guantánamo, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Osten Kubas, hat mehr als 200.000 Einwohner. Es gibt aufgrund der Lage kaum Tourismus – der nächste Meerzugang ist etwa zwanzig Kilometer entfernt, dort befindet sich der Militärstützpunkt der USA mit dem berüchtigten Gefangenenlager und der kubanische Teil der Bahia ist für den Tourismus nur sehr eingeschränkt nutzbar. Der für Kubaner und Touristen nächstgelegene Strand Yateritas ist 38 Kilometer von der Stadt entfernt und liegt an der Carretera Central. Diese von Havanna nach Baracoa führende Hauptverkehrsverbindung durchquert die Stadt Guantánamo. Lebensgrundlage der Stadt und der umliegenden Dörfer ist unter anderem die Kultivierung von Kaffee, Kakao, Zuckerrohr. Eine große Rolle im Leben der Kubaner spielt die Musik. Guantánamos Tanzkompanien und Musikgruppen sind weit über die Grenzen Kubas hinaus bekannt. Ein jährlich stattfindendes Festival widmet sich dem „Changüí“, einer lokalen Variation des Son Cubano, der hier auch seinen Ursprung haben soll.

Die Guantánamo-Miniaturen begann ich während meiner ersten Aufenthalte in dieser Stadt zu schreiben und werden laufend ergänzt.

Wetterleuchten

Auszug aus der Kurzgeschichte

Sie hätte ihn gesucht, ließ sie ihn wissen, und ob sie ihn sprechen könne.´Das Läuten des Telefons hatte ihn erschreckt, es war mühsam für ihn gewesen, sich aus dem Schaukelstuhl erheben, um zum Hörer zu gelangen. Und sein Knie schmerzte wie so häufig in der letzten Zeit. Eine solche Unterbrechung machte ihn übellaunig, weil es ihm dann unmöglich war, das zuvor Gedachte wieder aufzugreifen. Es fehlte ihm dann etwas, das unwiederbringlich schien. Auch wenn er ein Buch las, fand er anschließend nicht so leicht wieder in die Lektüre.Er hatte es nie gemocht, gestört zu werden.

Schon als Kind hatte er andere Menschen kaum ertragen. Er vermied Gespräche mit den Schulkollegen, die immerzu von banalen, uninteressanten Dingen sprachen. Er durchforstete gerne wissenschaftliche Zeitungen, solche über Medizin oder Astronomie. Sein Vater hatte ein paar Bücher zu diesen Themen in einem Wandregal stehen. Doch niemals sah er, dass jemand eines davon in die Hand nahm. In seiner Familie wurde wenig gelesen, aber er konnte, kaum dass er dessen mächtig war, nicht genug davon bekommen und las manches Werk zehn Mal oder gar noch öfter. Er war froh, wenn er mit der Lektüre in seinem Zimmer verschwinden konnte und ihn niemand anredete.

Später arbeitete er viele Jahre als Lektor bei einem medizinischen Zeitschriftenverlag, dessen Publikationen ihn anfangs fesselten. Als er bemerkte, dass die Themen einem gewissen Zyklus unterlagen und sich wiederholten, begann er sich mit dieser Dynamik zu beschäftigen. Er fing an, Aufzeichnungen darüber zu machen. Legte eine Tabelle an, in der er die Wiederholungen penibel auflistete. Er glich die Inhalte mit Ereignissen wie Naturkatastrophen, Ergebnissen von Wahlen oder Unglücksfällen ab und kam zu der Ansicht, dass hier ein Zusammenhang bestehen musste. Nach einigen Monaten war er überzeugt, ein Muster gefunden zu haben. Ein sich stets veränderndes Muster, das gehörte zum System. Er war äußerst befriedigt darüber und nannte es seine geheime Information. Niemand sonst wusste Bescheid, nur er war imstande, die Gesetzmäßigkeiten zu erkennen.


Es war ein verregneter Morgen, als ihm beim Aufwachen das Gefühl überkam, dass nichts mehr stimmte. Dass er seit zehn Monaten kein Buch mehr gelesen hatte. Dass er dieselben Gedanken immer wieder dachte. Dass ihm das Leben mit seiner Familie zu eng und diese ihm fremd war. Dass ihn die Musik, die sein Sohn spielte, nervte. Dass seine Frau kaum zu Hause war. Dass ihm das Kantinenessen seiner Firma nicht mehr schmeckte. Dass die Redakteurin ihn schon seit einigen Wochen nicht mehr angerufen hatte. Dass er genug hatte. Am Abend nahm er sein Sparbuch und all sein Bargeld, das gar nicht so wenig war, und setzte sich, ohne jemandem ein Wort zu sagen, in sein Auto, fuhr auf die nächste Autobahnauffahrt Richtung Westen.

© Sylvia Unterrader

Weiterlesen in: Anthologie „Auserlesen“, Literaturedition NÖ, 2016, Herausgeberin: Barbara Neuwirth, ISBN:978-3-902717-35-1