{"id":163,"date":"2018-02-12T15:53:17","date_gmt":"2018-02-12T14:53:17","guid":{"rendered":"http:\/\/unterrader.at\/cms\/?p=163"},"modified":"2018-02-12T15:53:17","modified_gmt":"2018-02-12T14:53:17","slug":"die-stadt-liegt-nicht-am-meer-guantanamo-miniaturen-nr-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/unterrader.at\/cms\/2018\/02\/12\/die-stadt-liegt-nicht-am-meer-guantanamo-miniaturen-nr-5\/","title":{"rendered":"Die Stadt liegt nicht am Meer \u2013 Guant\u00e1namo-Miniaturen Nr. 5"},"content":{"rendered":"<p>El Zunz\u00fan und La Tijera<\/p>\n<p>Der K\u00fchlschrank ist fast leer und der Vorratsschrank auch. Wir m\u00fcssen einkaufen, meint der Mann.<\/p>\n<p>Die beiden stehen vor dem Lebensmittelkaufhaus El Zunz\u00fan. Hier kann man mit nationalem Geld einkaufen, erkl\u00e4rt er. Vor der Eingangst\u00fcre die Leute angestellt. Dr\u00e4ngelei, ein T\u00fcrsteher, der darauf achtet, dass nicht zu viele Personen auf einmal das Gesch\u00e4ft betreten.<\/p>\n<p>Der Mann und die Frau begeben sich zu der Theke, wo man Bier und Yoghurt bekommt. Drei Verk\u00e4uferinnen lehnen an der Tiefk\u00fchltruhe und unterhalten sich. Eine der drei weist freundlich darauf hin, dass es das Bier auch gek\u00fchlt gibt, aber zur Zeit keine gro\u00dfe Flasche Cola erh\u00e4ltlich ist. Es gibt mehr Verkaufspersonal im Gesch\u00e4ft als Kunden.<\/p>\n<p>An diesem Tag kann man kaufen: 1-kg-Dosen mit Paradeissauce, Kr\u00e4cker, die in der Fabrik in der Stra\u00dfe Nummer 2\u00a0S\u00fcd gebacken werden, Suppenw\u00fcrze von Maggi, zwei Sorten Bier in Dosen, Cazique und Mayabe. Orangenlimonade in Eineinhalb-Liter-Flaschen, Suppennudeln und getrocknete schwarze Bohnen sowie das d\u00fcnne Yoghurt in Plastikfolie, tiefgefroren. Immerhin aus Kuhmilch diesmal und nicht aus Sojamilch wie sonst.<\/p>\n<p>Frische picks\u00fc\u00dfe Zucker-Eischneetortenschnitten an der zweiten Theke rechts, sehr beliebt und die eigentlichen Verursacher der langen Warteschlangen am Eingang. Von den beiden nach Hause transportiert auf Kartonst\u00fccken.<\/p>\n<p>Vor dem Gesch\u00e4ft kann man bei einem alten Mann Plastiksackerl kaufen. Zu Hause werden sie gewaschen und wieder und wieder und wieder verwendet. Die rosa Sackerl von Bipa, in denen die Mitbringsel f\u00fcr Familie und Freunde verpackt waren, hatten helle Freude ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Heute gibt es in einem weiteren Laden K\u00e4se und in der Tiefk\u00fchltruhe\u00a0Huhn. Und Kaffee, endlich. Gefrorenes Rinderfaschiertes aus Chile nehmen sie mit, denn wer wei\u00df, ob es das in den n\u00e4chsten Tagen wieder zu kaufen gibt. Und Butter aus Deutschland. Es hei\u00dft schnell sein, wenn etwas erh\u00e4ltlich ist, erkl\u00e4rt der Mann, weil es immer nur ein gewisses Kontingent gibt.<\/p>\n<p>Dann noch in den Supermarkt La Tijera, die Schere, dort suchen die beiden Marmelade und einen Fahrradschlauch, doch den gibt es nur in Havanna\u00a0 zu kaufen. Havanna ist weit weg. \u00dcber neunhundert Kilometer. Das alte Fahrrad ist kaputt. Ohne Fahrrad ist es sehr schwierig, irgendwo hinzukommen. Hier in diesem Kaufhaus befinden sich mehrere voneinander getrennte Abteilungen, Elektro, Parfumerie, Lebensmittel, Fleisch, Hygieneartikel, Haushaltswaren, Kleidung, Schuhe. Die Auswahl ist sehr \u00fcberschaubar. Sie finden nichts von dem, was sie brauchen, jedoch eine Vitrine voll mit teuren Gartenzwergen aus chinesischer Produktion und viele Plastikboxen in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen. Sie entdecken ein Eau de Cologne namens \u201eAlejandro\u201c. Es riecht gut, sagt der Mann, er schnuppert. Diesen Duft hat es schon lange nicht gegeben hier, meint er. Ach ja, Alejandro war der Deckname Fidel Castros, seinerzeit am Beginn der Revolution. Die Frau staunt.<\/p>\n<p>Hinter der Theke der Werkzeugabteilung sitzt eine Verk\u00e4uferin und feilt sich die N\u00e4gel. Man wartet einige Zeit, bis sie aufsieht, aber nicht die beiden an, sondern eine n\u00e4herkommende Kollegin, die etwas erz\u00e4hlen will, sie plaudern einige Zeit. Der Mann und die Frau warten und ernten einen gelangweilten Blick, als sie sich bemerkbar machen. Den Schraubenzieher gibt es sowieso nicht, erhalten sie als Auskunft. Und den Schneebesen, den sie seit Wochen suchen, Fehlanzeige. Eine Schere ist in La Tijera ebenfalls nirgends zu entdecken.<\/p>\n<p>Gem\u00fcse und Obst werden von Stra\u00dfenverk\u00e4ufern angeboten, (Sie rufen: hay tomates, pepino, frijoles, ajo &#8230;), Dann l\u00e4uft der Mann schnell hinaus vor das Haus, um zu kaufen.<\/p>\n<p>Oder man kann es auf mehreren kleineren \u00fcber die Stadt verteilten M\u00e4rkten erstehen oder im gro\u00dfen zentralen Markt. Manchmal gibt es dort Schinken, unter der Hand nat\u00fcrlich. Die beiden sehen: Kochbananen, gr\u00fcne und rote Paprika, Zwiebel, Koriandergr\u00fcn, Petersilie, K\u00fcrbis. In einer Ecke der Fleischhauer. Er offeriert Huhn und Schwein heute.<\/p>\n<p>Die beiden kaufen: Zitronen und Fisolen, aber nicht im Markt, sondern davor bei einem Stra\u00dfenh\u00e4ndler. Andere bieten an: Strohbesen, Kekse selbstgebacken, Spaghetti lose, aus der Spaghettifabrik, an den Kontrollen vorbeigeschmuggelt. In den Gesch\u00e4ften gibt es momentan keine Spaghetti zu kaufen.<\/p>\n<p>An manchen Hauseing\u00e4ngen Imbissst\u00e4nde, kleine H\u00e4ndler, die Sandalen ausstellen oder Krimskrams: Haargummi, Putzschw\u00e4mme, Schrauben, Nagellack. Lichtschalter aus Kunststoff. Alles f\u00fcr nationale Pesos. Andere verkaufen Kr\u00e4cker und Bier oder Guyabapaste, die hier gerne mit K\u00e4se als Nachspeise gegessen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>El Zunz\u00fan und La Tijera Der K\u00fchlschrank ist fast leer und der Vorratsschrank auch. 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