Die Stadt liegt nicht am Meer – Guantánamo-Miniaturen Nr. 6

Changüi

Ende Juni ist und das Changüi-Festival findet statt. Diese Musikrichtung gibt es nur hier. Changüi, die Volksmusik aus Guantánamo. Die aus Baracoa heißt Kiribá, erfährt die Besucherin von ihrem Begleiter.

Am Freitag Abend Eröffnung. Der erste (oder zweite?) Parteisekretär der kubanischen KP, eigens aus Havanna angereist, sitzt auf einer Bank am Rande des José-Marti-Parkes. Und wartet, wie alle anderen, denn es gibt keinen Strom. Ganze Straßenzüge dunkel. Ein paar Notlichter, unter denen sich die Menschen versammelt haben und plaudern. Eine Gruppe von Architekten hält sich in der Fußgängerzone auf, da ihre zeitgleich mit dem Musikfestival angesetzte Tagung ebenfalls wegen des Stromproblems ausgefallen ist. Sie prosten sich mit Sekt zu.

Changüi ist der Ursprung des Sons. Und Son der Ursprung des Salsas. Das erfährt die Frau während des Spaziergangs vorbei an den dunklen Ausschankständen.

Und dann: die Begegnung mit einer alten Dame. Jene sei die berühmteste Tänzerin des Changüi. Darf ich vorstellen? Ein freundlicher Kusshauch auf die linken Wangen.

Die Menschen sind festlich gekleidet. Weiße Anzüge für die Herren, und oftmals die typischen weißen Hemden mit Längsbiesen, ein traditionelles Kleidungsstück, die Guayabera, die statt Anzug und Krawatte auch bei offiziellen oder diplomatischen Anlässen getragen werden kann.

Manche Mulatinnen zeigen kunstvoll gewickelte, gezwirbelte oder geflochtene Haarkreationen und alle ihr hoch erhobenes Haupt.

Die Eröffnung des Festivals wird auf den nächsten Tag verschoben.

Gefeiert wird auch an anderen Wochenenden.

Man trifft sich bei der Noche Guantanamera im Zentrum, der ganze Straßenzug voller Musik, Restaurantstände mit festlich geschmückten Tischen, ein paar alte Männer, die Caramelos feilbieten und Zigaretten.

Aus der Casa de la Trova schallt laute Musik und aus den nahen Las Ruinas ebenfalls.

Abend jetzt. Viele tanzen, hier auf der Straße, nachdem die sengende Sonne einem etwas kühleren Lufthauch gewichen ist. Die Frau und der Mann tanzen ebenfalls ein paar Schritte, der Salsa-Rhythmus ist ansteckend. Fröhlichkeit rundherum.

Um zwei Uhr ist Schluss. Es wird ruhig in allen Straßen. Lediglich entferntes Donnergrollen, das den anderntags einsetzenden Regen ankündigt, der dann in wenigen Minuten die Straßen in Bäche verwandeln wird.

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