Die Stadt liegt nicht am Meer – Guantánamo-Miniaturen Nr. 5

El Zunzún und La Tijera

Der Kühlschrank ist fast leer und der Vorratsschrank auch. Wir müssen einkaufen, meint der Mann.

Die beiden stehen vor dem Lebensmittelkaufhaus El Zunzún. Hier kann man mit nationalem Geld einkaufen, erklärt er. Vor der Eingangstüre die Leute angestellt. Drängelei, ein Türsteher, der darauf achtet, dass nicht zu viele Personen auf einmal das Geschäft betreten.

Der Mann und die Frau begeben sich zu der Theke, wo man Bier und Yoghurt bekommt. Drei Verkäuferinnen lehnen an der Tiefkühltruhe und unterhalten sich. Eine der drei weist freundlich darauf hin, dass es das Bier auch gekühlt gibt, aber zur Zeit keine große Flasche Cola erhältlich ist. Es gibt mehr Verkaufspersonal im Geschäft als Kunden.

An diesem Tag kann man kaufen: 1-kg-Dosen mit Paradeissauce, Kräcker, die in der Fabrik in der Straße Nummer 2 Süd gebacken werden, Suppenwürze von Maggi, zwei Sorten Bier in Dosen, Cazique und Mayabe. Orangenlimonade in Eineinhalb-Liter-Flaschen, Suppennudeln und getrocknete schwarze Bohnen sowie das dünne Yoghurt in Plastikfolie, tiefgefroren. Immerhin aus Kuhmilch diesmal und nicht aus Sojamilch wie sonst.

Frische picksüße Zucker-Eischneetortenschnitten an der zweiten Theke rechts, sehr beliebt und die eigentlichen Verursacher der langen Warteschlangen am Eingang. Von den beiden nach Hause transportiert auf Kartonstücken.

Vor dem Geschäft kann man bei einem alten Mann Plastiksackerl kaufen. Zu Hause werden sie gewaschen und wieder und wieder und wieder verwendet. Die rosa Sackerl von Bipa, in denen die Mitbringsel für Familie und Freunde verpackt waren, hatten helle Freude ausgelöst.

Heute gibt es in einem weiteren Laden Käse und in der Tiefkühltruhe Huhn. Und Kaffee, endlich. Gefrorenes Rinderfaschiertes aus Chile nehmen sie mit, denn wer weiß, ob es das in den nächsten Tagen wieder zu kaufen gibt. Und Butter aus Deutschland. Es heißt schnell sein, wenn etwas erhältlich ist, erklärt der Mann, weil es immer nur ein gewisses Kontingent gibt.

Dann noch in den Supermarkt La Tijera, die Schere, dort suchen die beiden Marmelade und einen Fahrradschlauch, doch den gibt es nur in Havanna  zu kaufen. Havanna ist weit weg. Über neunhundert Kilometer. Das alte Fahrrad ist kaputt. Ohne Fahrrad ist es sehr schwierig, irgendwo hinzukommen. Hier in diesem Kaufhaus befinden sich mehrere voneinander getrennte Abteilungen, Elektro, Parfumerie, Lebensmittel, Fleisch, Hygieneartikel, Haushaltswaren, Kleidung, Schuhe. Die Auswahl ist sehr überschaubar. Sie finden nichts von dem, was sie brauchen, jedoch eine Vitrine voll mit teuren Gartenzwergen aus chinesischer Produktion und viele Plastikboxen in verschiedenen Größen. Sie entdecken ein Eau de Cologne namens „Alejandro“. Es riecht gut, sagt der Mann, er schnuppert. Diesen Duft hat es schon lange nicht gegeben hier, meint er. Ach ja, Alejandro war der Deckname Fidel Castros, seinerzeit am Beginn der Revolution. Die Frau staunt.

Hinter der Theke der Werkzeugabteilung sitzt eine Verkäuferin und feilt sich die Nägel. Man wartet einige Zeit, bis sie aufsieht, aber nicht die beiden an, sondern eine näherkommende Kollegin, die etwas erzählen will, sie plaudern einige Zeit. Der Mann und die Frau warten und ernten einen gelangweilten Blick, als sie sich bemerkbar machen. Den Schraubenzieher gibt es sowieso nicht, erhalten sie als Auskunft. Und den Schneebesen, den sie seit Wochen suchen, Fehlanzeige. Eine Schere ist in La Tijera ebenfalls nirgends zu entdecken.

Gemüse und Obst werden von Straßenverkäufern angeboten, (Sie rufen: hay tomates, pepino, frijoles, ajo …), Dann läuft der Mann schnell hinaus vor das Haus, um zu kaufen.

Oder man kann es auf mehreren kleineren über die Stadt verteilten Märkten erstehen oder im großen zentralen Markt. Manchmal gibt es dort Schinken, unter der Hand natürlich. Die beiden sehen: Kochbananen, grüne und rote Paprika, Zwiebel, Koriandergrün, Petersilie, Kürbis. In einer Ecke der Fleischhauer. Er offeriert Huhn und Schwein heute.

Die beiden kaufen: Zitronen und Fisolen, aber nicht im Markt, sondern davor bei einem Straßenhändler. Andere bieten an: Strohbesen, Kekse selbstgebacken, Spaghetti lose, aus der Spaghettifabrik, an den Kontrollen vorbeigeschmuggelt. In den Geschäften gibt es momentan keine Spaghetti zu kaufen.

An manchen Hauseingängen Imbissstände, kleine Händler, die Sandalen ausstellen oder Krimskrams: Haargummi, Putzschwämme, Schrauben, Nagellack. Lichtschalter aus Kunststoff. Alles für nationale Pesos. Andere verkaufen Kräcker und Bier oder Guyabapaste, die hier gerne mit Käse als Nachspeise gegessen wird.

Die Stadt liegt nicht am Meer – Guantánamo-Miniaturen Nr. 4

 

Guantánamo ist eine Stadt, doch hinter den Häusern: Schweine, Gänse, Truthähne, Hähne, Hühner; Minze, Guajaba, Mangobäume, Bananen, und unbekannte Früchte, die Birnen genannt werden.

Hähne krähen des Nachts, einer, zwei, drei, vier, …

Fast in jedem Haus mästet man ein Schwein, um es später zu verkaufen. Das ist Business, sagt der Mann, um zu überleben.

Auf den Straßen: Hunde. Sie bekommen Fleischabfälle, falls es Fleisch gibt.

Der Straßenreinigungsmann oder die Straßenreinigungsfrau geht jeden Morgen durch die Gassen. Alles ist sauber. Jeden Dienstag kommt der Müllwagen, er kündigt sich von weitem mit lautem Schlagen auf eine Glocke oder dem Gestänge des Lastwagens an. Der Mann trägt den Müllsack vor die Tür.

Plastiksackerl werden gewaschen und immer wieder verwendet.

 

Wasser

Sie wohnen im Süden der Stadt. Dort  fließt jeden zweiten Tag das Wasser durch die Leitungen. Manchmal noch seltener. Man weiß nie genau, wann.Dann hocken Menschen vor den Zisternen auf der Straße und warten, bis sie die Pumpen anwerfen können. Manchmal wird kurz darauf der Strom abgestellt, die Pumpen stehen still. Und die Zisternen bleiben halbleer.

Im Zentrum gibt es immer Wasser, sagt der Mann, aber hier nicht und im Norden nicht.

In diesem Monat gibt es es mehr als eine Woche lang kein Wasser  in den Leitungen. Irgendwo wird repariert. Das Waschen der Wäsche wird verschoben, duschen können sich die beiden nur kurz.

Es ist heiß, heiß, heiß

Über die Hitze klagen alle, der Sommer ist feucht und drückend, der Winter trockener, aber oft nicht viel kühler. Am Meer ist es ein bisschen windiger, die Temperatur leichter zu ertragen, jedoch: Guantánamo liegt nicht am Meer.

Es ist so heiß, wir sterben alle, sagt die Freundin, die in Havanna wohnt, beim Abendtelefonat. In Havanna hat es fünf Grad weniger als hier in Guantánamo.

Darum auf in den Eissalon, die Coppelia. Auf die Erfrischung freuen sie sich.

Jedoch:

In einer Bar nahe der Fußgängerzone ergattern sie glücklicherweise ein Fertigeis. Immerhin. Beim Nach-Hause-spazieren überlegen sie, einen Ausflug zu machen. Mit der ganzen Familie. Am kommenden Wochenende. Mal sehen …